Mit dem „Demo Day“ geht am Donnerstag die erste Runde im Metro-Accelerator zu Ende. Passend dazu haben wir mit drei Start-ups aus dem Programm gesprochen und sie gefragt, wie es nun für sie weitergeht.

„The very serious meeting room for very serious meetings“ steht an einer Tür im Metro-Accelerator. Es soll ein ironischer Satz sein, aber es ist natürlich auch ein Satz, der zeigen soll: Wir sind cool. Wir, das ist in diesem Fall der Verbund aus dem Handelskonzern Metro, dem Team von Techstars und dem Marketingunternehmen R/GA. Sie haben das Förderprogramm in Berlin gemeinsam gestartet, ihr Geld steckt in der Umsetzung.

Für Metro war es ein Experiment: Mit dem Accelerator in Berlin wollte sich der Handelskonzern an die Start-up-Szene herantasten und wie viele Konzerne Teil des Gründer-Hypes werden. Die Lock-Methoden lauteten Mentoren, Netzwerk und Finanzierung: Drei Monate lang sollten Start-ups in der Hauptstadt ihre Ideen mit Hilfe von Mentoren und Experten weiterentwickeln. Die jungen Unternehmen erhielten zudem die Aussicht auf eine Finanzierung in Höhe von 120.000 Euro – 20.000 Euro von Techstars und R/GA im Gegenzug für Anteile, 100.000 Euro als Wandeldarlehen der Metro.

Hunderte junge Unternehmen bewarben sich für das auf Ideen aus der Gastronomie spezialisierte Programm – elf schafften es tatsächlich in den Accelerator. Mit dem „Demo Day“ geht am heutigen Donnerstag die erste Runde im Metro-Accelerator zu Ende, die Start-ups werden wieder flügge und ziehen zurück in ihre eigenen Büros. Aus Metro-Sicht ist das Programm offenbar gut gelaufen. Laut einer Sprecherin soll es eine neue Bewerbungsphase geben, ein genauer Termin dafür steht aber noch nicht fest.

Stellt sich nur noch die Frage, wie die Start-ups das Programm bewerten. WiWo Gründer hat mit drei von ihnen über ihre Zeit im Metro-Accelerator gesprochen – und darüber, wie es nun für sie weitergeht.

 

Die App Flowtify will Hygienechecklisten in Restaurants ersetzen. (Copyright: PR/Flowtify)

Die App Flowtify will Hygienechecklisten in Restaurants ersetzen.
(Copyright: PR/Flowtify)

Flowtify: „Eine Software ist nie fertig“

Hygiene checken per App – das ist die Idee hinter dem Kölner Start-up Flowtify. Daniel Vollmer hat das Unternehmen im März 2015 gegründet. Sein digitales Konzept soll die klassischen Papier-Checklisten in der Gastronomie ersetzen. Einen ersten Erfolg kann das junge Start-up bereits vorweisen: Das Verbraucherschutzministerium in Nordrhein-Westfalen hat die App als Ersatz für Papierlisten anerkannt. Vollmer hat mit WiWo Gründer über Sauberkeit in Restaurants und seine Position als Nesthäkchen des Metro-Accelerators gesprochen.

WirtschaftsWoche Gründer: Herr Vollmer, mit Flowtify können Restaurants ihre Hygienechecklisten digital verwalten. Wie ist die Idee entstanden?
Daniel Vollmer: Ich habe selber ein Café in Köln betrieben. Als unsere Mitarbeiterzahl stieg, stellte ich fest: Ich bin nicht mehr der Herr im Haus. Unsere Hygienechecklisten waren damals auf Papier, ich konnte nicht nachvollziehen, wann wer was gemacht hatte oder ob er es überhaupt gemacht hatte. Dabei müssen diese Listen täglich, wöchentlich oder monatlich ausgefüllt werden. Ich dachte: Das muss einfacher gehen. So entstand die Idee, eine App zu entwickeln.

Aber Apps für diesen Bereich gab es ja schon.
Ja, und ich habe auch alle ausprobiert. Aber keine davon hat gut funktioniert. Deswegen habe ich mich mit einem Entwickler kurzgeschlossen. Er sagte, ich müsse 30.000 bis 40.000 Euro für die Entwicklung einer App einplanen. Das war mir nur für meine Mitarbeiter zu viel. So kam die Idee, eine App für das gesamte Gastgewerbe zu entwickeln.

Wie sieht Ihre Lösung aus?
Flowtify generiert Checklisten zu vorgegebenen Zeiten. Mitarbeiter swipen eine Aufgabe, um sie als erledigt zu markieren. Es können aber auch Temperaturen, Fotos oder Unterschriften als Nachweis verlangt werden. Inhaber haben jederzeit von überall volle Kontrolle durch unsere Live-View-Funktion oder Notifications. Natürlich gibt es auch Tagesberichte, wenn gewünscht.

Im Januar haben Sie die Betaversion von Flowitify gestartet. Wie viele Unternehmen sind bislang dabei?
Derzeit testen 17 Betriebe mit knapp 30 Filialen unsere App. Wir haben Ketten wie Eathappy, die in 10 von 100 Filialen testen, wir haben eine Bäckerei, zwei Hotels aber auch einzelne Restaurants wie den Mädchenitaliener in Berlin. Von allen bekommen wir nun das erste Feedback.

Und wie sieht dieses Feedback bisher aus?
Erstaunlich gut. Ich dachte, dass ich vielleicht ein Pendant bin und als Einziger wissen will, wann die alten Zeitschriften aussortiert wurden. Aber wenn ich die Checklisten unserer Kunden sehe, dann merke ich, dass den Gastronomen neben den Hygienechecks genau diese Dinge auch wichtig sind.

Welche Dinge sind das genau?
Sie können auf Flowtify zum Beispiel die Anleitungen für die Kaffeemaschine oder ein Reinigungsvideo zu einem Gerät hochladen. Auch saisonale Tätigkeiten können die Gastronomen einspeichern, also wie die Stühle auf der Terrasse miteinander verkettet werden müssen. Viele sagen uns, dass sie durch Flowtify weniger erklären und die Mitarbeiter selbständiger agieren können. Aber auch die zweijährige Wartung des Feuerlöschers ist ein typischer Fall.

Nun zeigen sich ja in der Betaphase auch die Bugs, die noch zu beheben sind. Welche sind das bei Ihnen?
Bisher hatten wir keinerlei Bugs. Eine Software ist ja nie fertig. Wir haben gelernt, dass alle Restaurants die gleichen Anforderungen stellen, aber alle doch unterschiedlich sind. Ein Restaurant der Metro, mit dem wir zusammenarbeiten, setzt zum Beispiel auf Sammelunterschriften. Bisher mussten Mitarbeiter auf Papier nur eine Unterschrift für alle Aufgaben auf einem Blatt abgeben. Daran hatte ich nie gedacht, da bei uns alles einzeln unterschrieben werden musste. Das ist ein Feature, welches wir zwischenzeitlich eingebaut haben.

Wann soll die Alphaphase starten?
Der offizielle Launch ist zum 01. März geplant.

Und wo stehen Sie laut Businessplan bis Ende des Jahres?
Bis Ende 2016 wollen wir 800 Lizenzen erreicht haben. Eine Lizenz bedeutet bei uns eine Filiale. Habe ich zehn Filialen, brauche ich zehn Lizenzen. Bis Ende 2017 haben wir uns 2000 Lizenzen auf die Fahne geschrieben.

Wie verdient Flowtify Geld?
Unser Geschäftsmodell basiert auf einer monatlichen Gebühr, die abhängig von der Unternehmensgröße ist. Auf Grund meines persönlichen Backgrounds ist es mir besonders wichtig, dass sich jeder Café-Betreiber Flowtify leisten kann.

Die Größe der Filiale ist egal?
Erstmal ja. Aber wir bekommen auch Anfragen von Hotels. Wenn wir in dieses Segment wachsen wollen, müssen wir uns ein Preissystem nach Zimmern überlegen. Sonst ist es für uns wirtschaftlich nicht interessant.

Sie haben nun drei Monate am Metro-Accelerator-Programm teilgenommen. Warum?
Der Accelerator beschäftigt sich mit Food und Gastronomie, das passte für uns perfekt. Ich muss ehrlich sagen, ich kannte Techstars nicht, R/GA tauchte nicht mal in den Flyern auf. Aber bei der Metro habe ich schon im letzten Jahr Meet-ups in Düsseldorf besucht. Daher wusste ich, dass das Unternehmen gewillt ist, sich auf neue Wege zu begeben. Das Know-how und die Zielgruppe war natürlich für uns ebenfalls eine Punktlandung.

Und was hat die Teilnahme jetzt im Rückblick genutzt?
Viel. Wir haben viele Kontakte gesammelt, auch die Zusammenarbeit mit der Metro wäre ohne den Accelerator nicht unbedingt denkbar gewesen.

Was hat die Zusammenarbeit Ihrer App gebracht?
Das Produkt hat sich nicht viel verändert. Wir haben zwar noch mal überlegt, ob wir uns eher auf Hygiene oder eher auf Qualitätsmanagement konzentrieren. Wir haben uns die Frage gestellt, welches Feld wir vermarkten wollen. Aber am Ende sind wir doch beim ursprünglichen Konzept geblieben: Wir machen beides. Es kommt einfach auf die Zielgruppe an.

Wo soll es nun hingehen?
Gute Frage. Wir sind das Nesthäkchen des Accelerators. Unser Produkt war am wenigsten fertig, als wir hier angefangen haben. Daher gibt es noch keine Schlüsselzahlen, die wir nennen können. Durch eine Partnerschaft mit Metro wären auch zeitnah andere Märkte in Europa oder Asien denkbar. Sobald wir im sicheren Fahrwasser sind, werden wir uns diese Möglichkeiten ansehen.

Haben Sie einen Plan, wann Sie schwarze Zahlen schreiben wollen?
Ich habe mich tatsächlich kürzlich 48 Stunden lang an den Businessplan gesetzt. Wenn alles so läuft, wie wir uns das vorstellen, können wir 2018 schwarze Zahlen schreiben. Mit etwa 1700 Lizenzen müssten wir den Break Even erreichen.

Herr Vollmer, vielen Dank für das Gespräch.

Rublys-Gründer Manuel Zwittag (links). (Copyright: PR/Rublys)

Rublys-Gründer Manuel Zwittag (links).
(Copyright: PR/Rublys)

Rublys: „Wer viel investiert, ist schnell wieder weit weg vom positiven Cashflow“

Rubbellose kennen viele aus der Lotterie: Mit einem Centstück eine Fläche freirubbeln und auf einen Gewinn hoffen. Der Österreicher Manuel Zwittag will dieses Prinzip ins digitale Zeitalter bringen. Mit seinem Start-up Rublys will er das klassische mobile Marketing verändern und den Nutzer dazu bringen, sich freiwillig mit einem Unternehmen zu beschäftigen. Im Interview mit WiWo Gründer erzählt er, warum die Geschichte der Wiener heute nicht mehr genau zu rekonstruieren ist und wie Vorstellung und Realität auseinander gehen.

WirtschaftsWoche Gründer: Herr Zwittag, mit Rublys bieten Sie Rubbellose für das Smartphone an. Wie kommt man auf so eine Idee?
Manuel Zwittag: Das ist heute nicht mehr hundertprozentig nachvollziehbar. Eigentlich war das Rubbellos ein Teil einer anderen Idee.

Welche Idee war das?
Wir hatten ein Konzept für eine eventbasierte Plattform entwickelt. Anhand der Social-Media-Aktivitäten sollte ein Nutzer Vorschläge für Veranstaltungen bekommen, wenn er in eine neue Stadt kommt. Es war aber nur eine Idee, zu der auch das Rubbellos gehörte. Irgendwann hat einer von uns gesagt: Lass uns nur noch das Rubbellos machen. Und darauf haben wir uns dann fokussiert.

Wie funktioniert Rublys genau?
Es ist ein digitales Rubbellos, das der Nutzer mit dem Finger freirubbeln kann. Wie bei anderen Rubbellosen auch hat er die Chance darauf, einen Preis zu gewinnen.

Wofür braucht man sowas?
Wir sehen uns als Marketingchannel. Klassische Werbung funktioniert mobil oft nicht wirklich gut. Wenn irgendwo ein Banner aufklappt, dann sucht der Nutzer nach dem Schließen-Knopf. Die Werbung wird meistens als störend empfunden. Wir wollten mit unserer Herangehensweise einen Kanal schaffen, auf dem sich Konsumenten freiwillig und aktiv mit Produkten beschäftigen.

Und welchen Mehrwert hat das für mich als Konsument?
Rublys ist kostenlos und die Nutzer können etwas gewinnen – ein Produkt, einen Gutschein, einen Rabatt. Wir stellen aber auch fest, dass viele Rublys als Zeitvertreib auf dem Weg zur Arbeit oder zum Einkauf nutzen.

Wie verdient Rublys Geld, wenn die Nutzer nicht zahlen?
Die Unternehmen zahlen pro Interaktion. In der klassischen Werbung nennt sich das Cost per Click, wir nennen es Cost per Scratch. Die Konsumenten beschäftigen sich durchschnittlich 15 Sekunden mit dem Produkt, der Marke oder dem Unternehmen. Pro Scratch zahlt das Unternehmen einen niedrigen Cent-Betrag. Es gibt aber auch Pakete für lokale Unternehmen, die nur in ihrem unmittelbaren Umkreis werben – zum Beispiel die Pizzeria an der Ecke.

Wie lange dauern die Aktionen im Schnitt an?
Ganz unterschiedlich. Die Kampagnen werden bei uns individuell mit den Kunden abgestimmt. Das variiert von ein paar wenigen Tagen bis zu mehreren Monaten.

Für die Unternehmen ist Rublys vor allem dann interessant, wenn viele Leute die App nutzen. Wie viele User haben Sie?
Mittlerweile gut eine Million. Mehr als 350.000 davon in Österreich und in etwa 750.000 registrierte Nutzer in Deutschland. Hier stehen wir noch am Anfang. Deswegen haben wir uns auch für den Metro-Accelerator beworben, um strategische Partnerschaften voranzutreiben.

Hat das funktioniert?
Ja, vieles ist jedoch noch in der Pipeline. Es ist nicht so, dass alles nach zwei Monaten schon richtig läuft. Aber das Netzwerk ist riesig, das hat uns am meisten gebracht und wird uns noch viel bringen. Viele der Mentoren haben uns ihr Feedback gegeben, wodurch wir noch mal eine andere Sicht auf unsere Idee bekommen haben. Wir haben auch einige Kooperationen angeleiert. Ob daraus etwas wird, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Die Kontakte sind jedoch aufgebaut.

Welche Kooperationen streben Sie an?
Ein klassisches Beispiel, das für uns sehr gut funktioniert, sind Partnerschaften mit Unternehmen, die ein großes Filialnetz haben. Wenn beispielsweise Konzerne wie Metro oder McDonald’s eine Kampagne mit uns machen, die für sie gratis ist, aber die sie selber auch mitpromoten, birgt das Synergien: Wir bekommen neue Nutzer, die Unternehmen bekommen neue Kunden.

In Deutschland spielt das Thema Datenschutz eine riesige Rolle. Wie gewährt Rublys diesen?
Erst einmal ist es so, dass niemand seinen richtigen Namen angeben muss. Ein Nickname, das Alter und das Geschlecht reichen. Nur wenn jemand etwas gewinnt, muss er seine Adresse angeben, aber das läuft dann ohnehin über die Unternehmen. Wir geben nie Daten an Dritte weiter. Wir würden ja unsere Nutzer verlieren, wenn die Unternehmen sie den ganzen Tag zuspammen können.

Es gibt ja auch andere Wege, wie Nutzer an Gutscheine kommen, zum Beispiel über Portale wie Cuponation. Wie grenzt sich Rublys davon ab?
Ich sehe diese Art von Portalen nicht als Konkurrenz. Auf der unternehmerischen Seite haben wir sicher einen ähnlichen Ansatz, aber auf der Nutzerseite nicht. Wir sind kein klassisches Gutscheinportal, auf das jemand kommt, um nach einem Rabatt zu suchen. Wir werden viel mehr als Spiel wahrgenommen: Wir generieren Impulskäufe von Nutzern, die durch uns erst auf ein Produkt aufmerksam werden. Es geht nicht um Rabatt, sondern um Interaktion.

Wie geht es für Rublys nun nach dem Accelerator-Programm weiter?
Wir wollen massiv wachsen. Wir wissen jetzt, dass unser Produkt funktioniert. Wir haben den Beweis in Österreich bereits gezeigt, aber jetzt wollen wir das Geschäft auch in Deutschland vorantreiben.

Was ist Ihr Ziel hierzulande?
Wir wollen drei Millionen Nutzer in der Bundesrepublik erreichen. Dann wären wir hier ungefähr so groß wie in Österreich.

In welchen Zeitraum können Sie sich vorstellen, diese Zahl zu erreichen?
Vorstellen könnte ich mir das bis nächsten Monat, aber das ist nicht realistisch. (lacht) Ich würde sagen, dass es bis Mitte 2017 möglich ist.

Und wie sieht es mit schwarzen Zahlen aus?
Das ist nicht so leicht zu beantworten. Das kommt auf die strategische Ausrichtung an. Wir sind schon länger kurz davor, einen positiven Cashflow zu verzeichnen. Aber ob wir auch Gewinn machen, kommt darauf an, wie schnell wir wachsen. Wenn man viel investiert, ist man auch schnell wieder weit weg vom positiven Cashflow.

Das heißt, Sie brauchen noch eine Finanzierung?
Wir haben ja zur Gründung von österreichischen Business Angels schon eine höhere Seed-Finanzierung eingenommen und suchen jetzt nach Venture Capital als Wachstumsfinanzierung.

Herr Zwittag, vielen Dank für das Gespräch.

Groupraise-Gründer Devin Baptiste (links). (Copyright: PR/Groupraise)

Groupraise-Gründer Devin Baptiste (links).
(Copyright: PR/Groupraise)

Groupraise: „Wir waren etwas abgeschreckt vom Datenschutz“

Der US-Amerikaner Devin Baptiste hat mit Groupraise ein Start-up gegründet, das Essen gehen mit einer Spende verbindet. Wer zu einem Event, das über das Start-up gebucht wurde, geht, unterstützt automatisch eine gemeinnützige Organisation. Im Interview hat er WiWo Gründer erklärt, warum es ein US-Start-up nach Deutschland verschlägt und wo die Unterschiede zwischen dem neuen und dem alten Kontinent liegen.

WirtschaftsWoche Gründer: Herr Baptiste, Sie haben Ihr Start-up in den USA gegründet. Warum haben Sie sich entschieden, sich für ein Accelerator-Programm in Deutschland zu bewerben?
Devin Baptiste: Das hat tatsächlich eine Hintergrundgeschichte. Wir waren in Südamerika in einem Programm in Chile, als Kevin Tapply von Techstars in die Stadt kam, um auf einer Konferenz zu reden. Der Geschäftsführer des Programms bat mich, Kevin dorthin mitzunehmen. Während der Autofahrt habe ich ihm erzählt, was Groupraise ist und wie unsere Idee funktioniert. Daraufhin hat er dieses Programm eines Unternehmens namens Metro in Deutschland erwähnt.

Das heißt, Sie kannten Metro bereits?
Nein, ich habe erst gedacht, es ginge um ein Verkehrsunternehmen. Aber wir haben recherchiert und herausgefunden, dass Metro tatsächlich der drittgrößte Einzelhändler der Welt ist und 1,2 Millionen Restaurants betreibt.

Haben Sie sich vorher bereits Gedanken darüber gemacht, in den europäischen Markt einzutreten?
Wir haben uns Europa zwar angeguckt, aber wir waren etwas abgeschreckt von den Datenschutzrichtlinien und der Kultur. Dann haben wir realisiert, dass Metro uns diese sehr einzigartige Möglichkeit bietet, einen Zugang zu ihrer Kundenbasis zu erhalten. Also haben wir gedacht, es wäre dumm, es nicht zu tun.

Wie ist die Idee zu Groupraise entstanden?
Die Idee kam mir vor langer Zeit. Ich habe in einer Band Keyboard gespielt und sang in verschiedenen Veranstaltungsorten, Bars und Restaurants. Die Leute dort wurden meine Freunde und Mentoren. Einer von ihnen erzählte mir eines Tages: „Ich will mich mehr in meiner Region engagieren, aber ich weiß nicht, wie.“ Ich dachte, ich könne ihm helfen, und rief eine Organisation, die ich kannte. Ich fragte sie, ob sie ihr Event in seinem Restaurant abhalten wolle, wenn er dafür im Gegenzug einen bestimmten Anteil spende. Der Freund dachte, dass vielleicht 30 Leute zu dem Event kommen würden. An dem Tag tauchten dann 300 Leute auf.

Wie lange hat es gebraucht, bis Sie dann das Start-up gegründet haben?
Ich habe sofort gewusst, dass die Idee eine einzigartige Möglichkeit für Restaurants und die Gäste bietet: Die Unternehmen verkaufen, die Leute haben Spaß. Ich habe die Idee damals erst einmal im Hinterkopf verstaut. Sprung ins Jetzt: 2010 habe ich das Team und das Produkt aufgebaut. Groupraise ist jetzt in mehr als 50 Städten in den ganzen USA vertreten und wir haben gerade unsere erste Kooperation mit der Organisation German Doctors abgeschlossen.

Wie funktioniert Groupraise?
Normalerweise sind die Kunden Geschäftsleute, die sich zum Netzwerken treffen; ein Einzelner, der eine bestimmte Organisation unterstützen will; oder einfach jemand, der Geburtstag feiern möchte. Wir stellen diesen Menschen eine Liste mit Restaurants zur Verfügung, aus der sie eins auswählen können. Wenn das Restaurant die Anfrage akzeptiert, muss der Kunde nur noch die Seite des Events mit jedem teilen, den er einladen will. Er erscheint, er isst, das Restaurant sammelt das Geld, sodass jeder weiß, wie viel eingenommen wurde, und dann überweist es einen Teil davon an die Wohltätigkeitsorganisation, die der Gast ausgewählt hat.

Wie profitiert Groupraise davon?
Wenn das Restaurant die Anfrage akzeptiert, zahlt es 39 Euro an uns für die Buchung.

Und wie profitiert dann das Restaurant aus ökonomischer Sicht? Verliert es nicht Geld, wenn es eine Gebühr zahlen und einen Prozentsatz seiner Einnahmen für einen wohltätigen Zweck spenden muss?
Ich denke nicht. Die Restaurants listen selbst die Zeiten auf, in denen sie ein solches Event beherbergen wollen – normalerweise sind das Zeiten, in denen sie keine Kunden hätten. Im Durchschnitt sehen die Ausgaben eines Restaurants so aus: ein Drittel für Essen, ein Drittel für die Räume und ein Drittel für das Personal. Wenn niemand kommt, sind die Lichter an, die Mitarbeiter arbeiten, aber das Geschäft bringt kein Geld ein. Wir schaffen die Möglichkeit, eine gute Sache zu unterstützen, uns eine Gebühr zu zahlen und immer noch profitabel zu arbeiten, weil die 20 Kunden ohne Groupraise nicht da gewesen wären.

Was ist der Grund, warum sich Konsumenten für Groupraise entscheiden?
Der Hauptgrund ist, dass sie von jemandem eingeladen wurden. Die Durchschnittsgröße einer Groupraise-Gruppe liegt bei 55 Kunden. Das liegt daran, dass es wirklich kraftvoll ist, von einem Bekannten zu einer Veranstaltung eingeladen zu werden, die eine gute Sache unterstützt. Erst wenn jemand zu dem Essen geht und dann von dem Wohltätigkeitszweck hört, geht es auch wirklich um die Sache. Aber am Anfang geht es einfach um die Leute, um den Namen.

Sie planen eine Expansion in Europa. Bis wann wollen Sie diese vollziehen?
In den nächsten zwölf Monaten. Wir haben in Deutschland die ersten Partnerschaften aufgebaut. Jetzt wollen wir Gruppen finden, die daran interessiert sind, regelmäßig Groupraise-Veranstaltungen zu initiieren. Und dann werden wir Restaurants suchen, die mit uns arbeiten wollen.

Hat das Accelerator-Programm der Metro dabei etwas gebracht?
Ja. Wir haben gelernt, wie eine europäische Expansion aussehen könnte. Das ist sehr wertvoll für uns. Wir haben auch unsere erste Kooperation mit German Doctors durch die Metro erhalten. Gleichzeitig sind wir auch in den USA stark expandiert, während wir hier waren. Der Tag hat derzeit einfach nicht genügend Stunden.

Sie haben bereits die Datenschutzrichtlinien in Deutschland erwähnt. Welche Herausforderungen haben diese mit sich gebracht?
Die Vereinigten Staaten sind ja eher liberal beim Thema Daten, Deutschland hingegen sehr streng. In den USA speichern wir beispielsweise IP-Adressen – das kann man in Deutschland nicht machen. Eine unserer Herausforderungen ist es deshalb, die Rechte einer Person in der Bundesrepublik zu verstehen. Aber Menschen machen jeden Tag Geschäfte in Deutschland, also muss es da eine Lösung geben. Wir müssen uns nur anpassen.

Abgesehen von der Expansion – wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus?
Ich freue mich sehr zu sagen, dass wir gerade wieder in einer Finanzierungsrunde stecken. Wir suchen nach Wagniskapital in Europa und in den USA. Wir würden gerne bald ein Büro in Europa eröffnen. Wir sagen immer, es gibt Facebook-Likes und es gibt unsere Spenden. Und es ist sehr schwer, jemanden, der in sozialen Netzwerken aktiv ist, zu einem Spender umzuwandeln. Wir sind in der Mitte dieses Prozesses und versuchen, die Leute zum Helfen zu bewegen.

Herr Baptiste, vielen Dank für das Gespräch.