Luxusuhren begeistern seit neustem nicht nur Liebhaber, Lendico macht Schlagzeilen mit einer Pressemitteilung und die Crowd trauert um Wonderpots.

Manche Märkte haben auch Experten (und Journalisten) nicht auf dem Zettel. Nachdem bereits Chronext, Chono24 und Montredo in den vergangenen Monaten sieben- bis achtstellige  Summen einsammelten, bestätigte am Donnerstag mit Watchmaster das vierte deutsche Luxusuhren-Start-up eine Millionenfinanzierung. 5,5 Millionen US-Dollar erhielt das Berliner Unternehmen, das – genau wie seine drei Konkurrenten – einen Online-Marktplatz für Luxusuhren betreibt.

Der Boom der Uhren-Start-ups überrascht auch deshalb, weil vor der Vorstellung der Apple Watch noch die Uhrenhersteller selbst den eigenen Untergang als besiegelt ansahen. Teure Uhren, so formulierte es beispielsweise Swatch-Mitgründer Elmar Mock, seien „wirklich in Gefahr“. In der Start-up-Szene kann davon (noch) nicht die Rede sein.

FinTech-Start-ups droht Konkurrenz von Google und Facebook

Die FinTech-Branche hingegen haben die meisten Beobachter auf dem Zettel. Am Dienstag hat die Liste der gutfinanzierten Start-ups einen Neuling hinzugewonnen, der nicht einmal in der Betaphase steht: Cookies. Das vom Studivz-Gründer Ehssan Dariani unterstütze Unternehmen sammelte 1,5 Millionen Euro als Anschubfinanzierung ein. Genau wie Lendstar und Cringle will das Unternehmen mobile Überweisungen vereinfachen.

Allerdings bleibt die Frage, ob die Beobachter die richtigen Unternehmen auf dem Zettel haben. Denn nicht nur Start-ups streben auf den Markt, auch Konzerne wie Google und Facebook versuchen sich mit eigenen Angeboten. Eine alte Unternehmensweisheit besagt, dass die Idee am Ende nur ein Prozent ausmacht. Am Ende kommt es zu 99 Prozent auf die Ausführung an. Und das Geld. Wenn man so will, sind Kapitalspritzen auch eine Art finanzielles Doping: Nicht die beste Idee, sondern das aufgepumpteste Unternehmen gewinnt.

So verwundert es auch wenig, dass das Modeportal Lesara und das FinTech-Start-up Number26 erst Geld einsammelten und dann beide die Expansion wagten. In dieser Woche kündigte Lesara den Sprung in 16 Auslandsmärkte an, Number26 will sechs weitere Länder erschließen. Während sich das Modeunternehmen relativ bescheiden ein „signifikantes Wachstum“ in den neuen Märkten erhofft, treiben die Finanzfirma größere Ambitionen an: Man wolle die „erste paneuropäische Bank“ werden, hieß es von Number26-Seite. Da dürfte die nächste Finanzierungsrunde ja nicht mehr weit sein.

Die Crowd trauert um Wonderpots

Ohne Finanzierungsrunden ging auch bei anderen Start-ups in dieser Woche nichts. Das Start-up Soundbrenner, das den Taktmesser revolutionieren will, sammelte in seiner Seedfinanzierung 500.000 Euro ein, die Simulationsplattform Simscale gewann den US-Kapitalgeber Union Square Ventures, die Kfw und Devario Assets investierten eine siebenstellige Summe in das Erlebnisportal Meventi, die Buchhaltungsplattform Smacc konnte den Global Founders Capital und Cherry Ventures überzeugen. Und das Schweizer Umzugsportal Movu, das wir an dieser Stelle schon mal vorgestellt hatten, stellte Go Beyond als neuen Geldgeber vor. Den großen Coup landete das Berliner Start-up Mila: Der Telekom-Konkurrent Swisscom erwarb die Plattform mehrheitlich. Um Finanzierungen dürften sich die Berliner so schnell keine Gedanken mehr machen müssen.

Dass trotz einer hohen Finanzierungsrunde nicht immer alles glatt geht, musste in dieser Woche das Frozen-Yogurt-Unternehmen Wonderpots feststellen. Das Start-up hatte 2013 eine halbe Million Euro über die Crowdinvesting-Plattform Companisto einnehmen können. Doch trotz der guten finanziellen Grundlage musste das Start-up nun Insolvenz anmelden. Die „Gründerszene“ berichtet mit Verweis auf Insider von Zahlungsschwierigkeiten. Schon die Tollabox, das Bastelbox-Start-up, musste im April trotz hoher Crowdfinanzierung aufgeben. Was das für das Image der Crowd-Plattformen bedeutet, muss sich erst noch zeigen.

Wenn die belanglose Pressemitteilung einen Übersetzer braucht

Was auch nicht so gut für das Image sein kann: Pressemitteilungen. Viele Start-ups und PR-Agenturen nutzen sie gerne als Mittel, um Journalisten und Medien ihr tolles Produkt beziehungsweise ihren tollen Klienten vorzustellen. Oft genug steht aber in den an große Verteiler (Marketingfehler Nummer eins) geschickten Marketingtexten nicht sehr viel drin. Das „Handelsblatt“ hat in dieser Woche eine eben solche Mitteilung von Lendico auseinander genommen und in „normales“ Deutsch übersetzt. Kostprobe? Lendico schreibt beispielsweise, dass das angefragte Kreditvolumen gestiegen sei. Das „Handelsblatt“ vermerkt, dass es eben um das angefragte und nicht um das vermittelte Volumen gehe (was die „FAZ“ in ihrer gedruckten Ausgabe übrigens verwechselte). „Ja, Leute fragen nach Krediten, aber ob sie auch wirklich welche abschließen, das wird nicht verraten“, so das Resümee der Wirtschaftszeitung.

Apropos Medien: Die Zeitungsbranche tut sich immer noch schwer mit der Digitalisierung. Nicht so sehr damit, ihre Inhalte ins Netz zu stellen und Neues auszuprobieren, aber damit, auch Geld mit den Inhalten zu verdienen. Das Onlineportal „Edition F“ beweist, dass es da junge Medienangebote manchmal einfacher haben: Die Gründerinnen Susann Hoffmann und Nora-Vanessa Wohlert haben einen mittleren sechsstelligen Betrag eingesammelt, mit dem sie ihr Portal weiter finanzieren können, bis das Geschäftsmodell trägt.

Wie ein Lied, das wir nie gehört haben

Größere Verlage haben es da schwerer, müssen sie ihr Geschäftsmodell doch erst einmal an die neuen Begebenheiten anpassen. Digitalkioske wie Blendle, Pocketstory oder Newscase zeigen da weniger Berührungsängste und zerpflücken die Zeitungen in ihre einzelnen Artikel. Genauso wie der Musikliebhaber heute nicht mehr das Album einer Band kaufen muss, um ein Lied zu hören, müssen Leser auch nicht mehr ein Magazin erwerben, um einen Artikel zu lesen. Dadurch konsumieren wir nur noch das, was uns interessiert.

Allerdings bergen die neuen Chancen durch Algorithmen auch die Gefahr, dass wir es uns allzu sehr gemütlich in Themen machen, die wir ohnehin schon kennen. Wer auf dem Album einer Band mal durch Zufall ein schönes Lied entdeckt hat, das nicht als Singleauskopplung erschienen ist, der weiß, dass man sich auch in Dinge verlieben kann, von denen man gar nicht wusste, dass sie existieren.