Die Start-up-Szene hat ihren nächsten Börsengang, Delivery Hero macht Negativ-Schlagzeilen und Gründer entdecken Flüchtlinge.

Noch vor 16 Tagen sah es ganz so aus, als würde die deutsche Start-up-Szene bald ihren nächsten Börsengang notieren dürfen. In dieser Woche ging auch tatsächlich ein junges Unternehmen an die Börse – allerdings nicht jenes, dessen IPO vor zwei Wochen angekündigt wurde. Während Hellofresh seinen Börsengang am Samstag – gleich aus mehreren Gründen überraschend – absagte, sickerte am Dienstagnachmittag durch, dass die German Start-ups Group einen neuen Versuch wagen wolle. Der Wagniskapitalgeber hatte bereits im Juli an die Börse gedrängt, musste aber wegen der damaligen Umstände doch alles ablasen. Nun hat es die Investorengruppe um Christoph Gerlinger mit einiger Verspätung am Mittwoch auf das Frankfurter Parkett geschafft, wenn auch mit einer deutlich niedrigeren Marktkapitalisierung als ursprünglich angepeilt.

Obwohl Hellofresh seinen Börsengang absagte, die German Start-ups Group aber ihren IPO vollzog, argumentierten beide in einer ähnlichen Tonalität: Die German Start-ups Group sprach von einem Börsengang, der trotz des fragilen Marktumfelds gut gegangen sei, Hellofresh hatte als Grund für die Absage unter anderem ein volatiles Marktumfeld angegeben. In Zeiten, in denen der Kurs des deutschen Leitindizes seit Wochen aufwärts zeigt, bezieht sich diese Aussage möglicherweise nicht (nur) auf das „Kapitalmarktumfeld“, sondern auf das „Investorenumfeld“. Nachdem die Rocket-Aktie in den vergangenen Wochen deutlich an Wert verlor – trotz der Hellofresh-Ankündigung – , dürften Start-ups nicht hoch im Kurs der börseninteressierten Geldgeber stehen.

Kritik an Delivery Hero

Rocket-Schützlinge hingegen müssen sich um ihre Finanzierung abseits des Frankfurter Parketts wenig sorgen. Wie eine Analyse von Barkow Consulting in dieser Woche verriet, war der Start-up-Inkubator in den vergangenen drei Jahren an jeder dritten von vier Mega-Finanzierungsrunden von mehr als 50 Millionen Dollar beteiligt. Eine stolze Zahl. Rocket ist damit allerdings auch eine Art Monopolist in der deutschen Wagniskapital-Szene. Nur gut, dass laut der Studie etwas Wettbewerb aus den USA hinzukommt.

Schlagzeilen machte nicht nur Rocket selbst, sondern über Umwege auch die Milliarden-Hoffnung Delivery Hero. Am Montag machte die Insolvenz von Food Express die Nachrichtenrunde – dem Start-up, in das die Lieferhelden erst im März investiert hatten. Der Grund: Ein wichtiger Gesellschafter sei ausgestiegen, ließen die Gründer im Unternehmensblog verlauten. Zwar nannten sie keine Namen, trotzdem lag sofort die Annahme nahe, dass Delivery Hero gemeint war. Der Lieferdienst hat dies inzwischen auch gegenüber der „Gründerszene“ bestätigt. Was den Fall interessant macht: Das mit drei Milliarden US-Dollar bewertete Start-up hatte mit Valk Fleet vor kurzem ein ähnliches Start-up in London aufgebaut. „Ein Schelm, wer böses dabei denkt“, lautete der Kommentar von „Deutsche Start-ups“ dazu.

Offenbar zurecht: Die „Gründerszene“ zitiert aus einer Mail von Delivery-Hero-Chef Niklas Östberg den Satz: „Wir haben unglaubliche Fortschritte im Delivery Space gemacht, seit wir das strategische Investment in Food Express getätigt haben und wir möchten unsere Anstrengungen und Investments auf unsere eigene Liefer-Initiative Valk Fleet konzentrieren.“ Die feine englische Art ist das nicht.

Klein, aber oho

Während sich andere Rocket-Start-ups rechtfertigen mussten, verkündete Rockets „Proven Winner“ Home24 die Übernahme des Konkurrenten Fashion for home. Interessant: Rocket Internet war vor drei Jahren bei dem Design-Unternehmen ausgestiegen, damals wurde darüber spekuliert, ob es dem Inkubator zu nischig gewesen sei. Nun gehört das Start-up indirekt doch wieder zum Imperium – um die Nischen bei Home24 auszubauen. Ein kleiner Spezialist statt ein großer Alleskönner zu sein, scheint manchmal auch Vorteile zu haben.

Zu dieser Erkenntnis ist auch unsere Autorin Meike Haagmans gelangt. In ihrer monatlichen Kolumne schreibt die Teilzeit-Gründerin, wie sie lange versuchte, einen Investor zu finden. Wie sie Businesspläne schrieb, an Pitches teilnahm, Investoren traf, an eine Expansion dachte. Und dann doch immer nur Absagen von potenziellen Geldgebern bekam, weil sie sich nur in Teilzeit um ihr Start-up Joventours kümmert, die Investoren aber 120 Prozent ihrer Arbeitszeit verlangten. Erst ein befreundeter Unternehmer brachte sie darauf, dass vielleicht gar keinen Investor brauche. Vor allem auch, weil der „Proof of Concept“ längst erbracht und das Unternehmen solide aufgestellt war.

Andere Start-ups hingegen vertrauten auch in dieser Woche auf Kapitalgeber: Das Medizintouristen-Portal Caremondo sammelte einen siebenstelligen Betrag von Holtzbrinck Ventures und diversen Business Angels ein, das 3D-Drucker-Start-up Big Rep erhielt sieben Millionen Euro von der Kfw und B-to-v, die Datenanalysten von Minodes bekamen eine Million Euro von der Förderbank IBB. Was auffällt: Mit Big Rep und Minodes stammten wieder einmal zwei der drei Start-ups aus Berlin. Auch wenn die Hauptstadt nicht mehr die Metropole der Selbstständigen ist, wie eine Studie in dieser Woche verriet, bleibt Berlin die Hochburg für Finanzierungsrunden.

Kfw fördert Flüchtlings-Start-ups

Vielleicht darf es da gar nicht so sehr verwundern, dass die Hamburger Start-up-Szene mit Komplexen kämpft. Auch wenn sie mit jungen Unternehmen wie Jimdo und Goodgame Studios selbst einige Vorzeige-Firmen hervorgebracht hat, heißt es eben doch noch häufig: „Also im Gegensatz zu Berlin…“ Mit immer neuen Förderprogrammen versucht die Hansestadt, ein wenig mehr an die Höhe von Berliner Finanzierungsrunden heranzukommen. Dass sich mit dem Next Media Accelerator und Next Media Hamburg auch neue Anlaufstellen und Programme für die Unternehmen ansiedeln, spricht ebenfalls dafür, dass die Stadt nicht nur für Anwohner eine Perle ist.

Start-ups gelten bekanntlich als Disruptor, als Unternehmen, die etwas verändern. In einigen Branchen ist das allerdings schwieriger als in anderen. Beispielsweise im Bahnverkehr: Den dominiert seit Jahren die Deutsche Bahn. Nun machen sich Locomore und das Portal Derschnellzug.de daran, den Wettbewerb im Zugverkehr voranzutreiben. Sie wollen Fernstrecken anbieten und der Bahn damit Konkurrenz machen. Ob sie es schaffen werden, muss sich allerdings erst noch zeigen. Die Bahn hat alle ernsthaften Versuche, wie etwa durch den HKX, zumeist abschmettern oder erschweren können.

Zum Schluss noch ein Thema, das in der Start-up-Szene selten auftaucht, aber eine gesamtgesellschaftliche Relevanz besitzt: die Flüchtlingsthematik. Während die Politik nach außen lieber Transitzonen einrichtet und Obergrenzen diskutiert, bezuschusst die staatliche Förderbank Kfw im Stillen junge Firmen, die den Flüchtlingen helfen wollen. Insgesamt 14 Flüchtlings-Start-ups haben eine Förderung von der Kfw erhalten, um „die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt zu verbessern“, wie die FAZ schreibt. Das ist aller Ehren wert. Schade nur, dass deutsche Politiker lieber die ohnehin schon panische Debatte weiter befeuern, anstatt ähnliche Lösungen zu suchen. Dass das möglich wäre, zeigt eine App der UN: Mit „ShareTheMeal“ können Smartphone-Nutzer mit zwei Klicks und wenigen Cent Flüchtlingskindern zu einer täglichen Mahlzeit verhelfen.