Gründerraum: Herr Näf, Doodle wird inzwischen jeden Monat von über sechs Millionen Nutzern verwendet. Hätten Sie das vor ein paar Jahren für möglich gehalten?
Näf: Als ich Doodle im Jahr 2003 erfunden habe, hätte ich nicht damit gerechnet, dass es sich eines Tages so weit verbreitet. Insofern hat mich der Erfolg anfangs schon überrascht.

Wie kamen Sie überhaupt auf die Idee?
Weil ich mich mit Freunden zum Abendessen verabreden wollte und dabei gemerkt habe, wie schwer es ist, einen Termin zu finden, an dem alle Zeit haben. Also habe ich Doodle programmiert.

Erst im Jahr 2007 haben Sie gegründet, als Doodle schon ein paar Jahre alt war. Warum hat es so lange gedauert?
Anfangs war Doodle für mich ein rein privates Projekt, das mir geholfen hat, Termine zu vereinbaren. Dann wurde aus Doodle ein Hobby, das ich in meiner Freizeit betrieben habe. 2006, als die Zahl der Doodle-Nutzer auf 200.000 pro Monat angestiegen ist, wurde mir klar: Wir können noch sehr viel mehr Menschen erreichen. Also habe ich zusammen mit Paul Sevinç, mit dem ich damals an der ETH ein Büro geteilt habe, eine Firma gegründet.

Michael Naef

Doodle-Gründer Näf

Michael (“Myke”) Näf, 36, studierte an der ETH Zürich Informatik und arbeitete anschließend als IT-Sicherheitsexperte und Dozent an der ETH. Im Jahr 2003 programmierte er den Online-Terminplaner Doodle, 2007 gründete er gemeinsam mit seinem Kollegen Paul Sevinç das gleichnamige Unternehmen. Kurz darauf beteiligten sich die Innovationsstiftung der Schwyzer Kantonalbank und Creathor Venture an dem Schweizer Startup. Inzwischen nutzen rund sechs Millionen Menschen jeden Monat Doodle – doppelt so viele wie im vergangenen Jahr, wie das Unternehmen kürzlich bekannt gab.

Gute Ideen im Internet werden schnell nachgeahmt. War es nicht riskant, so lange zu warten?
Das würde ich nicht sagen. Das Kernprodukt gab es schon sehr früh, ebenso wie den Namen. Wir waren nicht zu langsam, im Gegenteil: Doodle konnte den großen Nutzen früh unter Beweis stellen und rasch viele User begeistern, Plätze besetzen und Märkte erobern. Auch heute entwickeln wir Doodle stets weiter, setzen uns deswegen aber nicht unter Stress.

Wie schwer war es, Unternehmer zu werden?
Natürlich musste ich eine Menge lernen und bin mit der Gründung auch gewachsen. Und natürlich habe ich Fehler gemacht – meistens zum Glück nur kleine. Wichtig ist es, eine gute Fehlerkultur zu schaffen, damit man jeden Fehler wirklich nur einmal macht.

Können Sie uns einen Fehler nennen, über den Sie sich geärgert haben?
Lieber nicht, ich versuche, das Ärgern auf ein Minimum zu reduzieren und die Energie lieber in Verbesserungen zu investieren. Ärgern ist unproduktiv.

Anders formuliert: Was würden Sie bei einer Gründung nächstes Mal anders machen?
Paul Sevinç und ich haben das Unternehmen quasi per Handschlag gegründet. Wir haben nicht festgelegt, was passiert, wenn einer von uns aussteigen will. Dazu ist es zwar nicht gekommen, aber Gründer sollten für solche Situationen mit klaren Absprachen vorsorgen, um teuren Streitereien vorzubeugen.

Sie haben kurz nach dem Start zwei Investoren gewonnen. Wie viel haben die investiert?
Wir haben vereinbart, uns dazu nicht zu äußern.

“Wir waren nervös und unerfahren”

Und was haben Sie in den Verhandlungen mit den Geldgebern gelernt?
Als wir angefangen haben zu verhandeln waren wir schon nervös und unerfahren. Aber mit jedem Gespräch wurden wir sicherer. Wir haben immer wieder befreundete Anwälte und Unternehmer zu Rate gezogen und viel gelernt. Gründer sind gut beraten, wenn sie sich einen Coach suchen und sich mit anderen Unternehmern austauschen.

Wie wichtig der Name Doodle war für Ihren Erfolg?
Wichtig, aber nicht matchentscheidend. Gründer sollten sich genau überlegen, wie sie das Unternehmen nennen und prüfen, ob die Marke noch frei und die entsprechenden Domains noch nicht vergeben sind. Bei Doodle war all das der Fall: Der Name ist kurz, gut zu merken und beginnt mit „D“ wie Datum. Das hat sicher dazu beigetragen, dass Doodle zu einer erfolgreichen Marke geworden ist.

Aber auch zu einer, die man in den USA kaum schützen kann. Dort bedeutet „Doodle“ auch „Kritzelei“. Ein Nachteil?
Im englischen Sprachraum wird das Wort „Doodle“ viel häufiger gebraucht, als in Deutschland. Der größte Nachteil ergibt sich daraus, dass wir beim Presse-Monitoring viele Treffer ausfiltern müssen. Aber die Namensmarke funktioniert auch in den USA sehr gut und steht dort wie hier für effiziente Terminkoordination. Das ist uns wichtig, weil dieser Markt unumgänglich ist, um erfolgreich einen neuen Internettrend zu setzen. Außerdem ist die Marke Doodle auch in den USA für unsere Zwecke geschützt.

Seit einem Jahr sprechen Sie gezielt Nutzer in den USA an. Wie gut kommt der Dienst dort an?
Wir verzeichnen in den USA ein gutes Wachstum und sind zufrieden mit dem, was wir erreicht haben. Nichtsdestotrotz stehen wir nach wie vor am Anfang und haben noch viel Wachstumspotenzial.

Bitte etwas konkreter: Wie viele Ihrer Nutzer kommen denn aus den USA?
Die genauen Nutzerzahlen kann ich nicht verraten. Unsere beiden stärksten Märkte im Moment sind nach wie vor die Schweiz und Deutschland mit je etwas unter einer Million Doodle-Nutzern pro Monat. Die USA und einige andere Märkte folgen diesen beiden Märkten auf den Fersen.

So lange ich Doodle kenne hat sich der Dienst nicht verändert, die Webseite sieht sehr simpel aus. Stimmt dieser Eindruck?
Ich kann den Eindruck gut nachvollziehen. Wir sind darauf bedacht, den Dienst möglichst einfach und benutzerfreundlich zu halten. Unsere große Stärke ist doch, dass jeder den Dienst auf Anhieb verwenden kann. Der Funktionsumfang hat sich aber seit den Anfängen enorm erweitert, Belege dafür sind zum Beispiel die Anbindung an verschiedene Kalendersysteme oder unsere Bezahldienste Premium Doodle und Branded Doodle.

Haben Sie keine Angst, dass Ihnen Anwendungen wie Google Calendar oder Applikationen in sozialen Netzwerken wie Facebook den Rang ablaufen?
Nein. Wir sind der Pionier und haben uns in den Köpfen vieler Menschen als Terminfindungsdienst der Wahl festgesetzt. Wir arbeiten natürlich permanent daran, den Dienst weiter zu verbessern. So kann man Doodle inzwischen problemlos bei XING verwenden und Termine direkt mit seinen Kontakten abstimmen.

Wie hoch ist der Anteil der Nutzer, die bereit sind, für Ihren Dienst zu bezahlen?
Auch hier kann ich Ihnen leider keine konkreten Zahlen nennen. Mit Werbung auf unserer Internetseite erwirtschaften wir immer noch den Großteil unseres Umsatzes. Doch unsere – erst später eingeführten – Bezahlprodukte für private Nutzer und für Unternehmen erfreuen sich einer starken und steigenden Nachfrage.

Wann wollen Sie erstmals mit dem Unternehmen Geld verdienen?
Wir haben uns vorgenommen, in diesem Jahr den Break-Even zu erreichen. Bisher sieht es auch so aus, als würden wir das schaffen.