Bonaverde hat eine neuartige Kaffeemaschine entwickelt, die Bohnen nicht nur mahlen und brühen, sondern auch rösten kann. Via Kickstarter konnte das Berliner Startup fast 700.000 Dollar einsammeln, heute startet es auf Indiegogo gleich das nächste Crowdfunding. Im Interview erklärt Gründer Hans Stier, warum vor allem die Amerikaner auf das neue Gerät abfahren, warum es den Kaffeemarkt revolutionieren könnte und wie er vom Atomlobbyisten zum Kämpfer für Kaffeebauern wurde

Herr Stier, Sie haben über die Crowdfunding-Plattform Kickstarter fast 700.000 Dollar für eine neuartige Kaffeemaschine eingesammelt, mit der man rösten, mahlen und brühen kann. Wie viel Kaffee haben Sie in der Schlussphase der Fundingperiode getrunken?
Stier: Bestimmt zwei Liter am Tag. Wir haben unzählige Mails und Kommentare bekommen – die haben wir zu fünft in Schichtarbeit beantwortet. Aber die Arbeit hat sich gelohnt.

Haben Sie mit diesem Andrang gerechnet?
Stier: Wir hätten nicht gedacht, dass es so krass abgehen würde. Als wir nach wochenlanger Vorarbeit im November den Launch-Knopf gedrückt haben, hatten wir erstmal keine Ahnung was passiert – aber dann kamen schnell in jeder Stunde Tausende Dollar dazu.

Was machen Sie mit dem Geld?
Stier: Dass wir so viel Geld sammeln konnten hilft uns die Geräte zu einem deutlich geringeren Preis zu bestellen. Auch unsere 2254 Unterstützer profitieren davon: Weil wir kurz vor Schluss noch die 600.000-Dollar-Schwelle genommen haben, können wir die Maschinen mit einem selbst einstellbaren Mahlwerk ausstatten. Und nachdem wir auch die 650.000 übersprungen haben war klar: Die Unterstützer können auch aus verschiedenen Designs wählen. Wenn man solche “Stretch Goals” ausruft, dann erzeugt das einen viralen Effekt: Unterstützer locken neue Unterstützer an, denn sie haben auch etwas davon, wenn mehr investiert wird.

Was wissen sie über ihre 2254 Unterstützer?
Stier: Wir sind ziemlich stolz, dass die sich im Schnitt mit etwa 302 Dollar beteiligt haben – andere Kickstarter-Kampagnen erreichen im Schnitt 25 Dollar. Die Mehrheit der Unterstützer kommt aus den USA.

War das gewollt?
Stier: Wir haben von Anfang sehr viel Wert darauf gelegt, in den USA viel Geld einzusammeln. Die Amerikaner sind nicht nur begeisterte Kaffeetrinker, sie sind auch mutiger, in neue Projekte zu investieren. Die Deutschen tun sich dagegen schwer in etwas zu investieren, von dem sie nicht wissen, was es ist und ob es überhaupt klappt. Deswegen haben wir erst kurz vor Ablauf der Fundingperiode in Deutschland mehr Werbung gemacht – als klar war, dass nichts mehr schief gehen kann.

Wie sind Sie eigentlich auf die Idee zu Bonaverde gekommen?
Stier: Ich habe als Steuerjurist für RWE gearbeitet und mich intensiv mit der Brennelementesteuer beschäftigt. Eines Abends saß ich am Schreibtisch und habe gesehen, dass es in Deutschland auch eine Steuer auf gerösteten Kaffee gibt – von satten 2,19 Euro pro Kilo. Die grünen Bohnen, also der Rohstoff, sind dagegen genauso steuerfrei wie Rohöl. Noch in der Nacht habe ich überlegt, wie man die Steuer umgehen könnte – zu Gunsten der Kaffeeproduzenten und der Kaffeetrinker. Am nächsten Morgen habe ich gekündigt.

Moment: Sie sind vom Atomlobbyisten zum Kämpfer für Kaffeebauern geworden?
Stier: Ich war stolz darauf, für RWE zu arbeiten – das war ein toller Laden. Aber mir war auch klar: Ich will etwas gründen. Und zwar ein Unternehmen, das wirklich disruptiv ist, einen echten Game Changer. Solche Unternehmen gibt es hierzulande kaum.

Um den Kaffeemarkt aufzurollen setzen Sie aber nicht nur wie zum Beispiel die Teekampagne auf ein neues Geschäftsmodell, sondern auch auf eine neuartige Technologie. Wie haben Sie die als Steuerjurist entwickelt?
Stier: Nachdem mir klar war, dass in der Idee Potenzial steckt, habe ich in Patent-Datenbanken recherchiert und gesehen, dass es 27 Patente für kleine Kaffeeröstgeräte gibt, die Mengen von bis zu 100 Gramm rösten können. Die wollte ich mir ansehen. Also bin ich den Erfindern hinterher gereist, nach China, Finnland, Thailand, in die Türkei.

Wo sind Sie fündig geworden?
Stier: In Südkorea. Ich habe mich mit dem Erfinder zusammengetan, er hat den Röster in eine Filterkaffeemaschine eingesetzt, wir haben die ersten 130 Stück gebaut und auf Messen und in Einrichtungen wie Krankenhäusern getestet.

Warum waren Sie so sicher, dass ihre Idee funktioniert, obwohl es schon 27 patentierte kleine Röster gibt, die offenbar ziemlich unbekannt sind?
Stier: Weil es bisher keine guten Geräte gibt, die man zuhause oder im Büro nutzen kann. Trotzdem gibt es sowohl in den USA als auch in Deutschland eine sehr aktive Heimrösterszene. Das zeigt, dass es durchaus möglich ist, Kaffee zuhause zu rösten. Früher war das übrigens sogar üblich: Mein Vater hat mir erzählt, wie man nach dem Zweiten Weltkrieg Kaffee zuhause geröstet hat oder der Tante-Emma-Laden an der Ecke das übernahm. Im Laufe der Jahre hat sich das geändert: Heute werden grüne Kaffeebohnen in riesigen Mengen importiert und dann tonnenweise in Anlagen im Hamburger Hafen geröstet. Die Zeche zahlen nicht nur die Verbraucher über die Kaffeesteuer, sondern auch die Kaffeebauern.

Weshalb?
Stier: Wenn Sie im Laden ein Kilo Kaffee kaufen, dann bleiben bei den Kaffeebauern von den vier, fünf Euro, die Sie bezahlen, nur ein paar Cent hängen – den Rest teilen sich die großen Röster wie Nestlé oder Tchibo und der Staat. Die Produzenten können dagegen auch gar nichts tun: Sie müssen mit der Ungerechtigkeit leben, dass es auf gerösteten Kaffee in der Europäischen Union hohe Zölle gibt und sie deswegen nur grüne Bohnen exportieren können. Wenn sie selber rösten würden, wäre ihr Kaffee hierzulande quasi unbezahlbar.

Wie helfen Sie den Bauern?
Stier: Wichtig ist, dass wir Bonaverde niemals zu einer Kaffeemarke machen werden, sondern zu einem Marktplatz, über den wir die Kaffee-Produzenten mit den Kaffeetrinkern zusammen bringen. Wenn Sie dann über unsere Plattform grünen Kaffee kaufen, bekommen Sie den direkt vom Bauern Ihrer Wahl – ohne Umwege über Zwischenhändler und Röster. So wird der Kaffee nicht nur für Sie günstiger, der Produzent bekommt auch mehr. Er kann den Kaufpreis selbst gestalten und muss nicht mehr an Konzerne wie Nestlé verkaufen, die ihm nur ein paar Cent pro Kilo zahlen.

Ganz konkret: Mit wie viel Geld können die Kaffeebauern dank Bonaverde rechnen?
Stier: In unserem Modell kommen 50 bis 60 Cent von jedem Euro des Kaufpreises beim Produzenten an – also etwa zehn Mal mehr als bei Kaffee aus dem Supermarkt. Allerdings kaufen wir den Kaffee auch füt sechs bis sieben Euro pro Kilo statt für 1,50 Euro – und zahlen außerdem noch für Verpackungs- und Qualitätssicherung im Erzeugerland, weil unser Kaffee in Europa ja nicht mehr angefasst wird.

Rennen die Produzenten Ihnen schon die Türen ein?
Stier: In der Tat ist das Interesse groß. Allerdings schließen die Produzenten mit den Röstern oft langfristige Future-Verträge ab, das heißt: Sie verkaufen ihre Ernten mehrere Jahre im Voraus. Das müssen sie tun, um die Produktion zu finanzieren – aber die Knebelverträge machen sie auch unflexibel, weil sie nicht einfach einen Teil der Ernte an andere Abnehmer verkaufen können.

Unterm Strich gewinnen alle bei Ihrem Geschäft – mit Ausnahme der Kaffeeröster. Warum sind Sie so sicher, dass Bonaverde sich gegen die großen Konzerne behaupten kann?
Unsere Tests haben gezeigt, wie sehr die Leute unsere Maschinen lieben: frisch gerösteter Kaffee schmeckt besser, ist milder und enthält weniger Säurestoffe als Kaffee, der tonnenweise geröstet und dann lange gelagert wird. Deswegen sind wir optimistisch, dass wir dem Röstkaffee in der Vakuum-Verpackung und der klassischen Filterkaffeemaschine den Rang ablaufen werden. Jedes Jahr werden in Deutschland fünf Millionen dieser Geräte verkauft – auf lange Sicht wollen wir zwei bis drei Millionen davon mit unseren Röst-Mahl-Brüh-Kaffeemaschinen ersetzen.