Nur aus wenigen Erfindungen entsteht ein Geschäft. Neue Initiativen sollen Gründern zu Ideen helfen und aus Patenten Produkte machen.

Ein Skateboardunfall erweckte das Patent DE 10 2010 014 733.8 zum Leben. Es war im Frühjahr 2012, als Anna Rojahn am Berliner Teufelsberg Tamer El-Hawari mit ihrem Longboard vor die Füße fuhr. „Ich bin richtig über den Asphalt geschlittert“, sagt Rojahn. Denn neben einigen Narben an den Armen blieb ihr vor allem eine folgenschwere Bekanntschaft: Sie kam mit El-Hawari ins Gespräch, freundete sich an und lernte so dessen Freund Till Achinger kennen. Der wurde zu ihrem Geschäftspartner. Denn der Berliner tüftelte seit einiger Zeit an einer Technologie, mit der diverse Produkte in einer 360-Grad-Ansicht fotografiert und automatisch vom Hintergrund freigestellt werden. Die Rundum-Bilder können dann beispielsweise für Online-Shops genutzt werden.

Wie Gründer aus ungenutzten Patenten Produkte machen

Dabei entdeckte Achinger jedoch, dass ein ähnliches Verfahren schon bei der Bauhaus-Uni Weimar patentiert war. Er wollte schon aufgeben, doch als er Rojahn von seinen Problemen erzählte, stellte sie die entscheidende Frage: „Wird das Patent denn überhaupt genutzt?“ Nein, ergab ein Telefonat. Die Chance für Rojahn und ihren neuen Bekannten: Sie gründeten das Unternehmen Fast Forward Imaging und erwarben eine Exklusivlizenz. Die Uni kam den Gründern bei den Zahlungen entgegen, als die Einnahmen anfangs noch nicht wie erhofft flossen. Doch inzwischen läuft das Geschäft, zahlreiche Kunden nutzen die Fotoboxen des Start-ups, das damit im vergangenen Jahr auch den Neumacher-Gründerwettbewerb der WirtschaftsWoche gewonnen hat.

Start-ups, die aus ungenutzten Patenten Produkte machen – das ist zwar eine klassische Win-win-Situation. Trotzdem ist Fast Forward Imaging damit noch eine Ausnahme. Dabei könnte dieses Modell der Erfindernation Deutschland helfen, aus ihrem großen Dilemma zu finden: Das Land der Denker belegt bei der Zahl der Patentanmeldungen Spitzenplätze – im Vorjahr waren es beim Europäischen Patentamt fast 32 000 Anmeldungen und damit mehr, als bei den drei nächstfolgenden europäischen Nachbarn zusammen. Doch ob Faxgerät, Hybridauto oder Musik im digitalen MP3-Format – immer sind es ausländische Unternehmen, die aus deutschen Erfindungen Millionen- und Milliardengeschäfte machen.

Damit sich das in Zukunft ändert, verfolgen Projekte wie der Saarländer Max-Planck IT Inkubator, Hochschulen wie die RWTH Aachen oder ein neuer Start-up-Wettbewerb namens The Venture einen anderen Ansatz: Neben der klassischen Ausgründung oder Lizenzierung von Patenten an etablierte Unternehmen, suchen sie Gründer, um zu vorhandenen, aber nicht genutzten Technologien Produkte und Geschäftsmodelle zu entwickeln.