„Zöger doch nicht so lange“ – das ist kein guter Rat für Start-ups, meint Günter Faltin. Gründer müssen stattdessen lernen, auch Unsicherheiten auszuhalten.

Mittwoch ist Kolumnentag bei WirtschaftsWoche Gründer: Einmal im Monat analysiert Günter Faltin, emerierter Professor für Entrepreneurship an der Freien Universität Berlin und Autor von Büchern wie „Wir sind das Kapital“, die Start-up-Szene. In seiner Kolumne erklärt der Experte dieses Mal, warum Gründer Zweifel aushalten müssen, bevor sie eine Entscheidung treffen.

Von Günter Faltin

Wann ist ein Konzept ausgereift? Woran erkennen wir, ob unser Entrepreneurial Design bereits ausreichend praxistauglich ist? Wir betreten mit einem innovativen Design naturgemäß Neuland. Es fehlen die Wegmarkierungen. Es gibt kein klares Richtig oder Falsch, keine einfache Lösung, zumindest keine, die sich auf Erfahrung berufen kann.

Ja, die Unsicherheit ist groß. Sie geht so leicht auch nicht weg. Wird durch bloßes Grübeln nicht besser. Aufgeben, der einfache Weg. Weitermachen, der schwierige. Was jetzt zu tun ist, steht in keinem Lehrbuch der BWL: Mit der Ambiguität leben. Mit den eigenen Ängsten umgehen, die Unsicherheit aushalten.

Eines hilft in dieser Situation: die Arbeit am Entrepreneurial Design vertiefen. Die Annahmen überdenken, von denen man ausgeht. Sparringspartner finden und mit ihnen diskutieren. Urteile aus der Hüfte schießender Berater, Besserwisser oder Bedenkenträger vermeiden. Weitere Sichtachsen finden und abarbeiten, Denkpausen einlegen, noch mehr Informationen einholen und immer wieder neu durchdenken. Zusätzliche Beine des Entrepreneurial Design suchen, die die Wahrscheinlichkeit des Erfolgs erhöhen könnten. Den eigenen Zweifeln nachgehen und Lösungen finden. Teile des Konzepts hin- und herschieben, wie in einem Puzzle, bis die Konturen eines wirklich überzeugenden Konzepts entstehen.

Wenn die Situation zwiespältig ist, entscheiden Sie sich nicht!

Nicht den Zyklus einmal durchgehen, wie hier beim Lesen. Sondern zehnmal, 50-mal, ja 100-mal und mehr, wenn sich noch keine überzeugende Lösung abzeichnet. Ich halte nichts, aber auch gar nichts von Sprüchen wie: „Legen Sie los. Zögern Sie nicht so lange. Die Probleme kommen sowieso erst in der Praxis.“ Kein guter Rat, meine ich, wenn die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns statistisch bei 80 Prozent liegt.

Ambiguitätstoleranz ist gefragt. Die Dinge in der Schwebe halten, wenn und solange keine für Sie selbst überzeugende Lösung vorliegt. Sie müssen die Ambiguität aushalten. Es führt kein Weg daran vorbei. Hören Sie nicht auf Ihre wohlmeinenden Freunde, die sagen: „Jetzt entscheide Dich doch endlich!“ Es gibt nichts zu entscheiden. Die Situation ist noch nicht entscheidungsreif. Sie ist zwiespältig, zu zwiespältig. Es gibt viele Argumente für oder gegen eine bestimmte Vorgehensweise. Und sie halten sich oft ungefähr die Waage.