Ein Start-up mit einer neuen Idee. Doch was ist, wenn ein anderer Unternehmer schon eine ähnliche hatte? Wie Sie sich am besten von den Wettbewerbern absetzen.

Das eigene Baby ist das schönste und klügste Baby, natürlich auch das erfolgreichste und überhaupt kann man einfach richtig stolz sein. Was sich nach übertriebener Elternliebe anhört, trifft auch auf den Wirtschaftsmarkt zu. Bei einer Gründung ist es wie bei einer Geburt: Man glaubt, das eigene Produkt sei das beste. Doch Eltern wie Gründer merken irgendwann, dass es andere „Babys“ gibt, die vielleicht genauso klug und erfolgreich sind oder sein werden.

Junge Unternehmer – um bei Start-ups zu bleiben – dürften sich dann fragen, wie man sich von dem Wettbewerber absetzen kann. Ein Unterschied muss her, doch wie? Sollten sie ihren Unique Selling Point (USP) hinsichtlich der Konkurrenz wählen oder das Geschäftsmodell noch einmal ändern? Es gibt viele Möglichkeiten, sich auf dem Markt hervorzuheben – aber nicht jede ist für jedes Start-up geeignet.

Im vergangenen Jahr wurde ein Markt ganz besonders gehyped. Und zwar der um die Concierge-Services GoButler, SixtyoneMinutes, James, bitte und Co. Ein Bilderbuch-Beispiel für die Frage, wie man sich als Gründer am besten absetzt. Alle Start-ups hatten (fast) das gleiche Geschäftsmodell: Wünsche per SMS oder App zu erfüllen. Mittlerweile hat GoButler seinen Hauptsitz nach New York verlegt und James, bitte konzentriert sich vor allem auf Messaging-Dienste für Großunternehmen. SixtyoneMinutes spielt weiterhin Butler, jedoch auf B2B-Basis („Business to Business“).

Michael Gnamm hat SixtoneMinutes im Sommer 2014 gegründet. Er sah die Aufregung gelassen als im vergangenen Jahr getMagic in den USA sowie kurze Zeit später der deutsche Ableger GoButler starteten: „In dieser Zeit, in der die Wettbewerber wie Pilze aus dem Boden sprießten, hatten wir als einziger bereits ein eigenes intelligentes System und konnten fast neun Monate Vorsprung aufweisen.“

Der Hype, der mit GoButler auch wegen seines Promi-Mitgründers Joko Winterscheidt („Circus HalliGalli“) entstand, habe auch SixtyoneMinutes geholfen. „Schließlich wollten wir von Anfang an eine Business-Lösung für Unternehmen anbieten. Dafür mussten wir zunächst Prozesse entwickeln und eine eigene Software aufsetzen. Der Hype brachte uns den nötigen Traffic“, sagt Gnamm heute. GoButler-Gründer Navid Hadzaad wollte sich dazu nicht äußern.

Vom Privatkunden- in den Unternehmermarkt zu wechseln, sei nicht die leichteste Art und Weise, sich von seinem Wettbewerber abzusetzen, meint Sebastian Hanny. Hanny ist an der TU Dortmund im Referat für Forschungsförderung und Wissenstransfer tätig und hat bereits einige Gründungen begleitet. „Je nachdem ob es sich um ein Geschäftsmodell für Privatkunden oder Unternehmen handelt, kann es unterschiedliche Bedingungen oder Gesetzmäßigkeiten geben.“ Auch die Ressourcen an Mitarbeitern und Software können abweichen.

Was laut Hanny besonders wichtig ist, damit man sich von seinen Konkurrenten unterscheidet, ist die Kundenanalyse. Man solle möglichst früh mit Kunden sprechen, auf ihre Wünsche und Bedürfnisse eingehen und Kritik gerade in der Anfangszeit zu schätzen wissen. „Eine Software, die nicht leicht zu bedienen ist, will niemand“, sagt der Experte. „Ein Design, welches nicht zum Produkt passt, wird ebenfalls keine Fans finden.“ Ein gutes Design hingegen könne dein Geschäft ausmachen. Stichwort: Apple.

Ebenfalls geeignet für den USP: erfolgreiche, namhafte Partner. Zum Beispiel hat Tinnitracks wenige Monate nach der Gründung den Kopfhörer-Hersteller Sennheiser als Partner gewonnen. Tinnitracks ist ein Hamburger Start-up, das eine App zur Verminderung des Tinnitus’ entwickelt hat. Eine solche Kooperation bringt nicht nur das Marketing voran, man kann auch von erfahrenen Unternehmern lernen sowie von der Marke profitieren.

Je nach Start-up kristallisiert sich Schritt für Schritt heraus, welche Maßnahmen jeweils am besten geeignet sind. Dazu gehört auch, sein Geschäftsmodell flexibel ändern zu können. Bei einem Digital-Start-up kann ein Mietmodell gut sein, so wie bei der Fitness-Website Gymondo: Man kann drei Monate, sechs oder zwölf Sport mit Gymondo machen. Bei einer guten Software hingegen sei eine White Label-Lösung empfehlenswert. White Label bedeutet, dass andere Unternehmen gegen eine Finanzierung mit der Software arbeiten oder sie anbieten ohne dass die Entwickler-Firma genannt werden muss.

Auch SixtyoneMinutes bietet mit dem B2B-Dienst Sixtyone Business ein White Label-Produkt an. Inzwischen haben Michael Gnamm und sein Team zwei Unternehmensberatungen unter Vertrag, die ihren Mitarbeitern den Concierge-Service zu Verfügung stellen. Laut Gnamm sollen andere Firmen dazu kommen, dann würde SixtyoneMinutes zwischen 300.000 und 500.000 potentielle Nutzer ansprechen.

Tim Kahrmann, Leiter des Entrepreneurship Zentrum Witten (EZW) meint, dass bei sich ähnelnden Geschäftsmodellen und gleich hohen Finanzierungssummen immer das Team mit der besseren Ausführung gewinne. Vor allem bei der Kundenakquise komme es auf Fingerspitzengefühl an. „Es geht darum, welches Team die Bedürfnisse der Kunden versteht und diese innerhalb des Produktes oder der Dienstleistung besser umzusetzen weiß.“ Die Erhebung von Daten mittels Key-Performance-Indikatoren sei dabei wichtig, um zu verstehen, welche Stellschrauben welchen Effekt auf den Unternehmenserfolg haben.

Die Kundenbedürfnisse erkannt hat Comnovo. Das Start-up produziert ein „Beeper“-„Keeper“-System für Baufahrzeuge. Das heißt, wenn Fußgänger oder Bauarbeiter sich zu nah an Fahrzeugen wie Gabelstaplern befinden, ertönt ein lautes Piepgeräusch. Es dient zur Vorbeugung von Bauunfällen, die mit schweren Verletzungen oder sogar tödlich enden können. Ein einfaches Produkt, für das Andreas Lewandowski und Volker Köster seit der Gründung 2013 mehrere Preisen erhalten haben. Nicht zu vergessen: Die Berufsgenossenschaft Rohstoffe und chemische Industrie ist Partner von Comnovo . Sie belohnt jedes Unternehmen, das den „Beeper“ für seine Fahrzeuge verwendet, mit einer Prämie von 20 Prozent der nachgewiesenen Netto-Kosten.

Lewandowski und Köster haben also gleich mehrere Maßnahmen ergriffen, um sich von ihren Wettbewerbern abzusetzen. Einen Jakobsweg gibt es aber nicht. Es kommt auf die Bedingungen an wie die Art des Produkts oder den Markt, in dem das Start-up Fuß fassen will. Doch wenn man die Tipps von Hanny und Kahrmann beachtet, ist am Ende des Tages vielleicht doch das eigene Baby das erfolgreichste – und das klügste, schönste, …