Lidl hat es mit Kochzauber vorgemacht, Lieferando folgt mit Food Express: Große Unternehmen übernehmen insolvente Start-ups. Was erwarten sie sich davon?

Von Katja Scherer

Diese Chance ließ sich Lieferando nicht entgehen: Im November 2015 musste der Berliner Bringdienst Food Express Insolvenz anmelden, nachdem mit Delivery Hero ein wichtiger Investor abgesprungen war. „Deutschlands erster unabhängiger Lieferdienst für Restaurants“, wie sich das Start-up nennt, stand vor dem Aus. Und das trotz durchschnittlich mehr als 30 Prozent Umsatzwachstum in den Vormonaten und des weit verzweigten Partnernetzes in acht deutschen Städten. Lieferando schlug zu und kaufte im Januar das klamme Start-up.

Der Essensbringdienst Lieferando, hinter dem seit Anfang 2014 das niederländische Unternehmen Takeaway.com steht, ist nicht die einzige Firma, die ein Auge auf kriselnde Start-ups geworfen hat. Erst im November vergangenen Jahr hatte Lidl die Berliner Jungfirma Kochzauber übernommen. Auch deren Aus schien damals bereits besiegelt. Inzwischen wird sie von Lidl als eigenständige Marke weitergeführt, 14 von 20 Mitarbeitern durften bleiben. Warum aber interessieren sich erfolgreiche Großunternehmen für die Pleitegänger?

„Ein insolventes Start-up ist kein schlechtes Start-up“

Bei Lieferando will man sich zu dieser Frage derzeit noch nicht äußern. Die Insolvenz hatte für Food Express schwere Folgen: Rund 300 Fahrer und 30 Mitarbeiter mussten gehen. Nun laufen die Verhandlungen, wie das Start-up in die bestehenden Strukturen bei Lieferando integriert werden kann. Und auch bei Lidl will man sich zu strategische Zielen nicht äußern. „Wir glauben, dass Kochzauber einen sehr guten Kern hat, den das Unternehmen nun weiterentwickeln wird“, heißt es dort nur.

Aufschlussreicher ist dagegen ein Gespräch mit Stephan Stubner, Professor für Strategie und Familienunternehmen an der HHL Leipzig Graduate School of Management. Für ihn ist die Insolvenz gar nicht das entscheidende Merkmal. „Ein insolventes Start-up ist nicht gleich ein schlechtes Start-up“, sagt er.

Insbesondere bei der Finanzierung gebe es viele Hürden für Jungunternehmer. So schießen ihnen Geldgeber in aller Regel immer nur Geld für den nächsten Meilenstein zu – auf eine abgeschlossene Finanzierungsrunde folgt sofort die nächste. Wenn dann ein Investor im letzten Moment abspringt, weil er nicht mehr mitziehen kann oder will, kann das für die Firma schnell das Aus bedeuten. „Das sagt noch nichts über die Geschäftsidee aus“, so Stubner.

Die aber ist für Konzerne oft viel wichtiger. Ein gutes Beispiel dafür ist Kochzauber: Das Unternehmen verschickt Kochboxen mit Rezepten in mehr als 50 deutsche Städte. Der Markt für solche Boxen gilt als extrem vielversprechend: Wettbewerber Hellofresh zum Beispiel wird derzeit mit rund 2,6 Milliarden Euro bewertet.

Für Lidl werden solche digitalen Geschäftsmodelle immer wichtiger, um langfristig im Lebensmittelhandel bestehen zu können. Doch das nötige Know-how und auch die technische Infrastruktur im Konzern aufzubauen, ist schwer, Geld und Personal werden fürs Tagesgeschäft gebraucht. Durch den Zukauf von Kochzauber kann das Unternehmen seine Kompetenzen in diesem Bereich nun deutlich ausbauen.

Online-affine Mitarbeiter zum kleinen Preis

„Unternehmen müssen abwägen“, sagt Stubner. „Kostet es mich mehr, das Wissen selbst zu generieren oder es einzukaufen?“ Gerade bei insolventen Start-ups ist letztere Variante oft deutlich günstiger. Weder bei der Übernahme von Kochzauber noch bei Food Express ist der Kaufpreis bekannt – besonders hoch dürfte er aber nicht gewesen sein. Ein florierendes Start-up aufzukaufen, kann dagegen schnell einen zweistelligen Millionenbetrag kosten – wenn die Gründer überhaupt verkaufen wollen.

Ein weiterer Vorteil für Lidl und Co.: Wer ein Start-up kauft, gewinnt online-affine, unternehmerisch denkende Mitarbeiter. Für Konzerne sind solche Köpfe viel wert, da sie ihnen helfen, den digitalen Wandel voranzutreiben. Über klassische Stellenanzeigen findet man diesen Typ Mitarbeiter aber selten.

Der größte Gewinn für die Unternehmen seien aber die Kundendaten der Start-ups, sagt Tobias Kollmann, Professor für E-Business an der Universität Duisburg-Essen. „Etablierte Unternehmen können dadurch viel über neue Zielgruppen lernen.“ Welche Produkte funktionieren gut, welche weniger? Wie kann der Internetauftritt optimiert werden? Für Konzerne sind die Start-ups eine perfekte Spielwiese.

Das gelte insbesondere, so Kollmann, wenn das Start-up unter eigener Marke weitergeführt werde – wie bei Kochzauber. „So können Konzerne neue Strategien testen, ohne im Falle eines Scheiterns den eigenen Markennamen zu beschädigen.“

Ein Risiko gibt es für die Käufer dennoch. Zwar können viele Geschäftsmodelle durch einen erfahrenen und finanzstarken Investor zurück zum Erfolg geführt werden. Für alle gilt das aber nicht. Im Zweifelsfall pumpt der Käufer eine Menge Geld in das Start-up und muss am Ende feststellen: Es funktioniert wirklich nicht.

Insolvenz als Makel? Eher nicht

Mehr Know-how über den Markt und die Kunden zu bekommen – das dürfte auch Lieferandos Mutter Takeaway.com zur Übernahme von Food Express motiviert haben. Der Markt für Essenslieferdienste ist stark umkämpft, zahlreiche Firmen wie Foodora, Deliveroo oder Urban Taste konkurrieren um die Vorherrschaft. Die Übernahme von Food Express bringt dem niederländischen Online-Portal-Betreiber wertvolle Informationen über Vorlieben und Gewohnheiten der Konsumenten.

Dass die vorhergehende Insolvenz ein Makel ist, glaubt Start-up-Experte Kollmann nicht. „Viele Kunden bekommen davon nicht unbedingt was mit, solange der Betrieb nicht aussetzt oder über die Insolvenz in den Medien groß berichtet wurde.“