Die Chefs und Gründer von Soundcloud, Delivery Hero, Kreditech, Mr.Spex, 6 Wunderkinder und zahlreichen weiteren Start-ups fürchten neue Steuerpläne des Finanzministers. Gemeinsam haben sie daher einen Protestschreiben an Angela Merkel geschrieben. Der Brief im Wortlaut.

Die Pläne des Bundesfinanzministeriums, Gewinne von Business Angels stärker zu besteuern, sorgten in den vergangenen Wochen für viel Aufregung bei Start-ups und Investoren. In einem gemeinsamen Brief appellieren mehr als 30 deutsche Start-ups und Investoren an Bundeskanzlerin Angela Merkel, das so genannte Anti-Angel-Gesetz zu stoppen.WirtschaftsWoche-Gründer dokumentiert den Brief im Wortlaut:

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,

am 22. Juli 2015 hat das Bundesfinanzministerium (BMF) den „Diskussionsentwurf eines Gesetzes zur Reform der Investmentbesteuerung“ veröffentlicht. Mit diesem Gesetz soll auch die Besteuerung von Veräußerungsgewinnen aus Streubesitzbeteiligungen eingeführt werden. Veräußerungsgewinne aus Beteiligungen von unter 10 % sollen danach in vollem Umfang der Körperschaft- und Gewerbesteuer unterliegen. Business Angels und andere Frühphasen-Investoren erhalten nach dem neueinzuführenden § 26 a KStG auf Antrag eine marginale Steuerermäßigung auf das investierte Kapital, allerdings nur sofern sechs dafür erforderliche Bedingungen kumulativ erfüllt sind.

Bei dem derzeitigen Diskussionsentwurf handelt es sich im Vergleich zum Status Quo um eine drastische Verschlechterung der Situation von Business Angels und damit der Finanzierungssituation von Startups. Umhüllt in dem Gewand einer vermeintlichen Ausnahmeregelung für Startups und Business Angel, ist der Entwurf ein großer Rückschritt für das deutsche Startup-Ökosystem. Er steht im absoluten Gegensatz zu dem Versprechen im Koalitionsvertrag, es für Business Angels und andere Investoren „attraktiver zu machen, in junge Unternehmen und junge Wachstumsunternehmen zu investieren“. Der Entwurf verursacht einen erheblichen bürokratischen Aufwand, straft den unternehmerischen Erfolg ab und widerspricht der Ratio derzeitiger Förderinstrumente, wie etwa dem INVEST – Zuschuss für Wagniskapital. Startups in der frühen Phase würde der Gesetzentwurf bis zu 60% des Kapitals direkt entziehen. Die Tatsache, dass auch die Gründerinnen und Gründer direkt von dem Gesetz betroffen wären und weitere Kritikpunkte finden Sie im Detail in der beigefügten Stellungnahme. Allein die mit dem Entwurf aufgekommenen Rechtsunsicherheiten, schädigen jetzt schon die Investitionsbereitschaft von Business Angels und anderen Frühphasen-Investoren in Deutschland.

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, wir – die Unterzeichner dieses Briefes – haben unsere Unternehmen mit der Unterstützung von Business Angels finanziert. Business Angel waren für viele von uns der einzige Finanzierungspartner in der Gründungsphase, gerade auch in Zeiten der Finanz- und Eurokrise, während derer kaum ein anderer Geldgeber mehr bereit war, Finanzmittel zur Verfügung zu stellen. Einige von uns sind glücklicherweise in der Lage, heute selbst als Business Angel in junge Unternehmen zu investieren. Die von uns geführten und von uns unterstützten Unternehmen beschäftigen 50.000 Mitarbeiter. Diese 50.000 Arbeitsplätze würden nach der geplanten Steuereinführung höchstwahrscheinlich kein zweites Mal in Deutschland entstehen. Der Status Quo bei der Besteuerung von Veräußerungsgewinnen muss nachfolgenden Gründergenerationen unbedingt erhalten bleiben, um den Zukunfts- und Innovationsstandort Deutschland nachhaltig zu sichern. Ohne Business Angel gibt es keine Startups. Ohne Startups wird es keinen Mittelstand und keine Weltmarktführer von morgen geben.

Herzliche Grüße

Eric Wahlforss, Founder & CTO Soundcloud
Kolja Hebenstreit, Co-Founder & Board Member Delivery Hero Holding
Alexander Kudlich, Vorstand Rocket Internet SE
Christian Reber, Founder & CEO 6Wunderkinder
Frank Thelen
Dirk Graber, Gründer & Geschäftsführer Mister Spex GmbH
Johannes Reck, CEO GetYourGuide AG
Philipp Kreibohm, Vorstand Home 24 AG
Robert Maier, Gründer & Geschäftsführer Visual Meta GmbH
Sebastian Diemer, Founder & CEO Kreditech Holding SSL GmbH
Julia Bösch, Founder & Managing Director Outfittery
Fabian Heilemann, Founder & CEO Sky & Sand GmbH
Hubertus Bessau, Geschäftsführer mymuesli GmbH
Markus Börner, Founder & CEO optiopay GmbH
Marco Vietor, Geschäftsführer Audibene
Franziska Gräfin v. Hardenberg, Founder & CEO Bloomy Days GmbH
Janis Zech, Co-Founder & Geschäftsführer Fyber GmbH
Christoph Janz, Founder + Managing Partner Point Nine Management GmbH
Mark Hoffmann, Managing Director Vertical Media GmbH
Udo Schloemer, CEO & Founder S+P Real Estate
Christophe Maire, Founder & CEO Atlantic Internet GmbH
Nikita Fahrenholz, Founder Book A Tiger
Joerg Gerbig, Geschäftsführer Lieferando
Jan Christoph Gras, Founder & CEO Berlin Ventures
Gunther Schmidt, Geschäftsführer Medici Living GmbH
Christoph Gerlinger, CEO / Managing Director German Startups Group
Alexander Görlach, Herausgeber & Chefredakteur The European
Constanze Buchheim, Geschäftsführerin & Gründerin i-potentials
Sven Rittau, Geschäftsführender Gesellschafter K5 GmbH
Christian Gaiser, Founder & CEO Bonial International Group
Tim Schumacher, Entrepreneur TS Ventures GmbH
Magnus Graf Lambsdorff
Ulrich Schmidt, CEO ans Managing Partner at Scala Ventures SA
Nils Regge, Geschäftsführer TruVenturo GmbH
Christopher Münchhoff
Claude Ritter, Co-Founder & COO Book a Tiger
Masoud Kamali, CEO S&S Media Group
Stephanie Renda, Geschäftsführerin match2blue
Christian Vollmann, Gründer nebenan.de
Michale Brehm
Felix Haas, Chairman & Co-Founder IDnow
Dominik S. Richter, Founder & CEO HelloFresh GmbH
Florian Nöll, Vorsitzender Bundesverband Deutsche Startups e.V.