Die App Edaole soll Chinesen beim Shoppen in Europa helfen. Im Interview spricht Gründer Fred Klinkert über das Potenzial chinesischer Kunden.

Herr Klinkert, Sie bieten den mobilen Shopping-Guide für chinesische Touristen an. Warum brauchen sie Ihre App?

Für Chinesen ist es schwer, sich im Ausland zurechtzufinden. Dies gilt vor allem für Länder außerhalb Asiens. Konkret geht es dabei um sprachliche und kulturelle Unterschiede, die einen Einkaufstrip, ein Restaurantbesuch oder die einfache Navigation am Reiseort zu einer erheblichen Herausforderung machen können. Englischkenntnisse sind in China nicht annähernd so ausgeprägt wie in Europa. Deshalb reisen Chinesen sehr gerne in Gruppen. Dies ist jedoch ein Auslaufmodell. Immer mehr Chinesen, insbesondere die jüngere Generation, möchten die Welt frei und uneingeschränkt bereisen, mit Freunden und Familie, ohne Reiseführer.

Wie genau funktioniert Ihre App?

In unserer App finden unsere Nutzer Geschäfte in ihrer Umgebung. Dabei sind vor allem Premium- und Luxusmarken für Chinesen interessant, da die Markenvielfalt in Europa wesentlich höher ist und kein Plagiatsrisiko besteht. Hinzu kommen deutlich günstigere Preise. In der App stellen wir Infos zu Zahlungsmethoden, Öffnungszeiten, Angebot oder Marken unserer Partnergeschäfte bereit. Über eine Maps-Integration navigieren wir unseren Nutzer direkt zum Geschäft. Bei Vorzeigen der App in unseren Partner-Geschäften erhalten sie zudem Vorteilsangebote, wie Rabatte, Geschenke oder spezielle Services.

 Und wie profitieren die Einzelhändler?

Für Einzelhändler sind wir einfach betrachtet eine Marketing-Plattform, die ihnen Zugang zu einer enorm zahlungskräftigen Zielgruppe ermöglicht, zu der sie sonst nur sehr schwer kommen würden. Für einen europäischen Einzelhändler ist die Ansprache chinesischer Kunden schwierig. In Europa bekannte Marketing-Kanäle sind in China so nicht existent. Das heißt beispielsweise Google, Facebook, Instagram, YouTube und Twitter sind in China vollständig gesperrt. Wir nutzen für unsere App die Marketing-Kanäle in China, ermöglichen den Unternehmern so den Zugang zu ihren Kunden und erhalten dafür eine Umsatzprovision, die meist bei zehn Prozent liegt.

Wie ist die Idee für die App entstanden?

Durch einen Bekannten aus China, der während seines Studiums in Deutschland chinesische Reisegruppen als Reiseführer betreut hat und mir von seinen Erlebnissen erzählte – unter anderem vom Verlangen nach Individualreisen, aber auch von einzelnen Kunden, die innerhalb einer Stunde 100.000 Euro für Uhren und Schmuck ausgaben. Ich fand das sehr spannend und dachte mir, dass man diesen Reiseführer einfach digitalisieren und auf das Smartphone in Form einer App transferieren kann.

 In wie vielen Städten können die Nutzer die App verwenden?

Momentan bieten wir mit unserer App Angebote in 30 Städten in sieben europäischen Ländern an. Ganz wichtig sind dabei Paris, London, Frankfurt sowie Mailand und Rom.

Trägt sich Ihre App?

Nein, noch nicht. Nach Aufbau des Partnernetzwerks in ganz Europa sind wir erst im Sommer 2015 offiziell gestartet. Hinter Edaole steckt ein langfristig angelegtes Geschäftsmodell. Insofern haben wir da noch etwas Zeit und konzentrieren uns im ersten Schritt auf Wachstum sowie Reichweite und erst später auf Profitabilität. Aktuell finanzieren wir uns über Investoren, die uns einen mittleren sechsstelligen Euro-Betrag zur Verfügung gestellt haben.

Was ist Ihr Ziel für 2016?

In 2016 wollen wir noch mehr Partner gewinnen und das in vielen weiteren Städten in Europa. Darüber hinaus wollen wir unsere Reichweite und Nutzerzahl deutlich erhöhen. Bisher haben wir rund 50.000 registrierte Nutzer.

Sie waren der Erste mit dieser Idee. Macht Ihnen die Konkurrenz mittlerweile Sorgen?

In China versuchen bereits mehrere große Reiseportale von der Kaufkraft chinesischer Touristen zu profitieren und entwickeln ähnliche Funktionen wie Edaole, welche sie in ihre bestehende Plattform integrieren. Der Unterschied zu uns ist jedoch, dass wir mit unserem Berliner Team sehr nah an unseren Partnern sind. Das fällt der Konkurrenz aus China sehr schwer. Dies führt jedoch dazu, dass viele Reiseportale mit uns kooperieren möchten. In Europa gibt es seit wenigen Monaten einen ersten Konkurrenten aus London, der mit dem gleichen Modell, aber einem anderen Prozess an den Start geht.

Was war für Sie am Anfang am Schwierigsten?

Ganz klar: den chinesischen Markt und die Kultur zu verstehen. Am Anfang dachte ich, ich fliege dahin, treffe Leute, finde Mitarbeiter, knüpfe Partnerschaften und lege los. Die Wahrheit ist, dass man in China ohne ein gutes Netzwerk und die richtigen Leute, die einen unterstützen, komplett verloren ist. Die Art und Weise, wie in China Geschäfte gemacht werden, ist überhaupt nicht mit dem zu vergleichen, was wir aus Deutschland kennen. Alles läuft über Kontakte und Empfehlungen. Der zentrale Begriff dafür lautet Guanxi. Er bezeichnet das Netzwerk persönlicher Beziehungen, von dessen Wirken in China kaum eine Entscheidung unbeeinflusst bleibt. Geschäfte basieren in China grundlegend auf Vertrauensbeziehungen und nicht auf Verträgen, die oft nur als Richtschnur gelten. Ein Handschlag hat bei Vertragsschluss also oft einen höheren Stellenwert als eine Unterschrift.

Würden Sie anderen Gründern den Schritt nach China empfehlen?

Unbedingt. China ist ein Land mit einem unglaublichen Wachstum. Das kann man täglich in der Zeitung lesen. Was jedoch viele nicht wissen ist, dass China insbesondere im Bereich digitaler Alltagstechnologien oft viel schneller und weiter ist als Europa. Das Smartphone steht im Zentrum von allem. Auffallend ist auch, dass es enorm viel Wagniskapital gibt, was eine florierende Start-up-Szene zur Folge hat. Hinzukommt ein beeindruckender Pragmatismus innovative Ideen umzusetzen, aber auch zu kopieren, was natürlich Gefahren birgt. Ohne Netzwerk, Kontakte und eine ausgeprägte Risikobereitschaft sollte man den Markt nicht unterschätzen. Am Ende kann man bitterlich scheitern oder überaus erfolgreich werden. Dazwischen liegt wenig.